05 Feb. 2026

Erinnern heißt Verantwortung übernehmen

Zum 81. Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz am 27. Januar gedenken wir vor allem der Opfer: der Ermordeten, Entrechteten und Entwürdigten. Doch unser Gedenken darf dort nicht enden. Wir müssen auch an den Anfang denken – daran, wie es dazu kommen konnte. Denn die Verbrechen wuchsen aus Worten, Ideologien, politischem Kalkül und gesellschaftlicher Gleichgültigkeit.

Der Weg in die Vernichtung begann nicht mit den Lagern. Er begann mit Ausgrenzung, mit Feindbildern und mit der systematischen Abwertung von Menschen. Er begann mit Sprache, die entmenschlichte, mit Gesetzen, die Rechte entzogen, mit öffentlicher Hetze und mit einem schrittweisen Gewöhnen an Unrecht. Schritt für Schritt wurde das Undenkbare vorbereitet.

Daran erinnert die Wanderausstellung „Die Toten des Pogroms 1938“, kuratiert von Carolin Manns. Sie zeigt die frühen, fast immer tödlich endenden Gewalttaten des Nationalsozialismus und macht deutlich, dass die Eskalation schon lange vor den Vernichtungslagern begann. Auch in unserer Region fanden diese Pogrome statt: Synagogen wurden zerstört, Geschäfte geplündert, Menschen misshandelt, verhaftet oder ermordet. Die Ausstellung gibt den Opfern Namen und Biografien zurück und verdeutlicht, dass hinter historischen Fakten konkrete Lebensgeschichten stehen. So wird sichtbar, dass die Gewalt keine abstrakte Bedrohung war, sondern Menschen aus der eigenen Nachbarschaft, Freunde und Familien trafen.

Hier geht es – wie uns die Ausstellung eindrücklich vor Augen führt – nicht nur um materielle Verwüstung, sondern vor allem um das Schicksal der Menschen: Nachbarn, Freunde und Familienangehörige, die mitten unter uns lebten. Die Pogrome trafen keine anonymen Gruppen, sondern Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Ihre Geschichten machen das Unrecht greifbar und persönlich.

Die Peer-Guides v.l.: Julia Schinke, Fynn Müller, Lina Martin, Poyraz Sevindik, Sofie Klasen, Maleen Ternis, Yola Adams, Karolin Jakoby, Jette Wolf, Malin Schlich, Melissa Wetzlar, Helena Bender und Bjarne Lüth.

Schülerinnen und Schüler der Oberstufe des Herzog-Johann-Gymnasiums haben sich in der Gedenkstätte Synagoge Laufersweiler von Christof Pies und Carolin Manns zu Peer-Guides ausbilden lassen. Diese intensive und bewegende Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen gaben sie anschließend an ihre Mitschülerinnen und Mitschüler weiter. In der Woche vom 26. bis 30. Januar 2026 begleiteten sie die Besuche der Ausstellung am Herzog-Johann-Gymnasium und ermöglichten ihren Mitschülerinnen und Mitschülern persönliche Zugänge zu den historischen Schicksalen. Besonders eindrücklich war die szenische Lesung am Abend der Vernissage, in der die Schülerinnen exemplarisch Biografien der Opfer lebendig werden ließen.

Die Vernissage selbst wurde von einer Einführung durch Carolin Manns sowie musikalisch durch Solistinnen und das Ensemble „Feinabstimmung“ unter der Leitung von Pasja Herfurt von der Kreismusikschule begleitet. In den Räumen des Neuen Schlosses Simmern entstand so eine eindringliche Atmosphäre des Gedenkens. Die Veranstaltung fand in Kooperation mit Kristina Müller-Bongard vom Hunsrück Museum Simmern statt. Dort kann die Ausstellung aktuell noch besucht werden.

(v.l.: Kristina Müller-Bongard, Carolin Manns, Kerstin Sonnet-Reischl und Pasja Herfurt)

Erinnerungskultur ist kein starrer Rückblick. Sie wird lebendig, wenn Wissen weitergegeben, Hintergründe erklärt und Verantwortung übernommen wird. Wer sich mit der Geschichte auseinandersetzt, erkennt die Mechanismen, die zu Ausgrenzung und Gewalt führen, und kann daraus Lehren für die Gegenwart ziehen.

Erinnerung ist Verpflichtung und Auftrag zugleich. Sie fordert uns auf, Menschenwürde zu verteidigen, Ausgrenzung zu widersprechen und Demokratie zu schützen. Nur wer die Anfänge erkennt, schärft den Blick für die Gegenwart. Gedenken wird erst dann wirksam, wenn es unser Denken und Handeln prägt – nicht nur an einem Jahrestag, sondern jeden Tag.

 

Der SWR hat aktuell zwei Beiträge über den o.g. Workshop und die Begegnung von Schülerinnen und Schülern mit Überlebenden aus unserer Region am HJG gemacht.

Der Beitrag als Video ist unter der Adresse: https://www.swr.de/video/sendungen-a-z/landesschau-rlp/wie-die-geschichte-der-juden-im-hunsrueck-jugendliche-von-heute-bewegt-100.html