Zeitzeugengespräch mit Henriette Kretz
Am 27. Februar 2026 besuchte Frau Henriette Kretz das HJG, um uns von ihrem Schicksal als jüdisches Kind während des Zweiten Weltkriegs zu erzählen. In dem Gespräch, das über drei Schulstunden ging, schaffte sie es, uns alle mit ihrer Erzählweise zu berühren und zu beeindrucken und uns bewusst zu machen, wie schnell sich ein Leben verändern kann.
Henriette Kretz wurde 1934 in Stanislawow (Polen, heute Ukraine) geboren. Sie beschrieb ihre Kindheit als die beste Zeit ihres Lebens, in der sie ohne Sorgen täglich von morgens bis abends mit anderen Kindern auf der Straße spielte. Sie wusste nicht, was Krieg bedeutete und wie schnell sich dieser friedliche Alltag ändern konnte.
Mit der Einnahme Polens durch die deutsche Wehrmacht folgten Flucht, Gefangenschaft und Angst. Verzweifelt versteckte sich die Familie an unterschiedlichen Orten, bis sie schließlich doch gefunden und gefangen genommen wurde. Glücklicherweise wurden sie nach ein paar Wochen in ein jüdisches Ghetto entlassen, woraus sie wieder flüchteten und bei einem Ehepaar unterkommen konnten. An dieser Stelle betonte Frau Kretz, dass Menschen wie diese für immer Helden bleiben würden. Denn während des Holocausts war es strengstens verboten, jüdische Personen zu verstecken, und wurde in einigen Staaten, wie hier in Ostpolen, mit dem Tod bestraft.
Nun kam es nicht mehr auf das Leben, sondern auf das Überleben an. Henriette Kretz erzählte davon, wie sie monatelang in einem stockdunklen Kohlekeller, in der Ungewissheit darüber, ob es Tag oder Nacht war, verbleiben mussten. Eines Tages wurde ihre Tür geöffnet. Jemand hatte die Familie verraten. Henriettes Vater gestand direkt, Jude zu sein, denn sie alle wussten, dass es keinen Weg mehr gab, lebendig aus dieser Situation herauszukommen. Als der NS-Soldat schon seinen Revolver auf den Vater richtete, stürzte er sich auf ihn, was Henriette Zeit verschaffte, um wegzurennen. Sie rannte, solange ihre Beine sie trugen, mit dem Schall der Schüsse, die ihre Eltern töteten, im Rücken. Frau Kretz betonte, sie habe sich noch nie in ihrem Leben so einsam und so ratlos gefühlt. Die Nacht verbrachte sie versteckt im Gebüsch.
Am nächsten Tag fiel ihr ein, dass eine ehemalige Patientin ihres Vaters ein Waisenhaus leitete, doch um dahin zu kommen, musste sie die Stadt durchqueren, die von vielen Gefahren belagert war. Sie konnte nicht wissen, wer Freund und wer Feind war. Ein einziges Wort hätte gereicht, um sie zu töten. Sie schaffte es, unversehrt bis zum Waisenhaus zu kommen, und wurde dort von Nonnen aufgenommen. Besonders Schwester Celina übernahm von dort an die Rolle ihrer Mutter.
Nach Ende des Zweiten Weltkrieges nahm ihr einzig überlebender Onkel Kontakt zu ihr auf und zusammen mit ihm und seiner Familie zog sie nach Antwerpen in Belgien.
Frau Kretz betonte am Ende ihrer Erzählung, dass eine Geschichte wie diese zur damaligen Zeit keine Besonderheit war. Millionen von Familien sind Schicksale wie diese widerfahren und es ist wichtig, dass wir, auch wenn nur noch wenige Personen davon erzählen können, uns diese Geschichten aufmerksam anhören und reflektieren.
Wir Zuhörer/-Innen danken Frau Kretz vielmals für ihre Bereitschaft, ihre Vergangenheit mit uns zu teilen. Besonders ihre bildhaften Beschreibungen und Hintergrundinformationen sowie Rückfragen ans Publikum halfen uns dabei, aktiv über das Erzählte nachzudenken und es aufzunehmen.




